Warum dein Perfektionismus an Feiertagen besonders laut wird
- Sophie Lauenroth
- 24. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit

Feiertage haben etwas Eigenartiges.Nach außen wirken sie wie eine Pause vom Alltag, wie ein Versprechen von Nähe, Ruhe, Gemütlichkeit und Verbundenheit – und gleichzeitig berichten mir viele Menschen, dass genau an diesen Tagen der innere Druck lauter wird als sonst, dass sie sich schneller gereizt fühlen, dünnhäutiger, innerlich unruhig oder plötzlich erschöpft, ohne genau benennen zu können, warum.
Perfektionismus zeigt sich an Feiertagen oft nicht in Form von offensichtlichem Leistungsdrang, sondern viel subtiler. Er steckt in Gedanken wie: „Es muss schön sein.“„Ich sollte dankbar sein.“„Andere kriegen das doch auch hin.“Oder in dem inneren Anspruch, emotional auf eine bestimmte Weise reagieren zu müssen – entspannt, liebevoll, präsent –, selbst dann, wenn der eigene Körper längst signalisiert, dass ihm das gerade zu viel ist.
Was an Feiertagen besonders herausfordernd ist: Sie bringen viele Ebenen gleichzeitig zusammen.Erwartungen, Erinnerungen, alte Rollen, familiäre Dynamiken, unausgesprochene Konflikte und gesellschaftliche Bilder davon, wie diese Tage auszusehen haben.Und genau hier findet Perfektionismus einen idealen Nährboden.
Wenn Erholung plötzlich unter Druck steht
Viele Menschen, die perfektionistische Muster in sich tragen, sind im Alltag erstaunlich gut darin, zu funktionieren.Sie organisieren, halten durch, übernehmen Verantwortung, regulieren sich selbst – oft so lange, bis der Körper irgendwann leise, aber bestimmt anfängt zu protestieren.
Feiertage wirken dann wie ein Bruch im System.Plötzlich fällt die äußere Struktur weg, der gewohnte Rhythmus, die Ablenkung durch To-do-Listen und Termine.Und anstatt dass sich automatisch Entspannung einstellt, entsteht häufig genau das Gegenteil: innere Unruhe, Gedankenkreisen, ein Gefühl von Leere oder das Bedürfnis, irgendetwas „richtig“ zu machen, obwohl objektiv gar nichts getan werden müsste.
Perfektionismus meldet sich in solchen Momenten oft mit Sätzen wie:„Jetzt müsste ich mich doch freuen.“„Andere genießen das – warum ich nicht?“„Ich sollte diese Zeit sinnvoll nutzen.“
Was dabei leicht übersehen wird: Entspannung ist kein Schalter, den man umlegt.Gerade Menschen, deren Nervensystem über lange Zeit an hohe Anforderungen angepasst war, erleben Ruhe zunächst nicht als angenehm, sondern als ungewohnt, manchmal sogar als bedrohlich.Der innere Druck ist dann kein Zeichen von Undankbarkeit oder persönlichem Versagen, sondern Ausdruck eines Systems, das nie gelernt hat, wirklich sicher loszulassen.
Alte Rollen bekommen an Feiertagen neue Lautstärke
Ein weiterer Grund, warum Perfektionismus an Feiertagen besonders präsent ist, liegt in den Rollen, die viele von uns sehr früh gelernt haben.Die Starke.Die Vernünftige.Die, die vermittelt.Die, die nichts braucht.Oder die, die dafür sorgt, dass es für alle schön ist.
Im Alltag lassen sich diese Rollen oft gut über Leistung und Distanz regulieren.An Feiertagen, wenn Familie zusammenkommt oder alte Bezugspersonen wieder näher rücken – manchmal auch nur innerlich –, werden diese Muster reaktiviert, oft ohne dass wir es bewusst merken.
Plötzlich fühlt man sich wieder verantwortlich für die Stimmung am Tisch.Oder merkt, wie schwer es fällt, Grenzen zu setzen, weil man niemanden enttäuschen möchte.Oder wie schnell man sich selbst innerlich kritisiert, wenn man nicht so reagiert, wie man es „von sich erwartet“.
Perfektionismus ist hier weniger der Wunsch nach Fehlerfreiheit, sondern vielmehr der Versuch, Zugehörigkeit, Harmonie oder emotionale Sicherheit aufrechtzuerhalten – selbst dann, wenn der Preis dafür die eigene Erschöpfung ist.
💛 An dieser Stelle ein sanfter Hinweis: Genau mit diesen Mechanismen – innerer Druck, alte Rollen, das Gefühl, immer funktionieren zu müssen – beschäftigen wir uns auch in meinem Perfektionismus-Intensivkurs. Dort geht es nicht darum, Ansprüche abzuschaffen, sondern zu verstehen, warum Perfektionismus sich oft wie ein Schutz anfühlt und wie man ihn Schritt für Schritt lösen kann, ohne Angst zu haben, an Wert oder Kontrolle zu verlieren.
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Wenn Gefühle bewertet werden, statt gefühlt
Was Feiertage ebenfalls verstärken: die innere Bewertung von Gefühlen. Traurigkeit, Leere, Reizbarkeit oder Rückzug werden an diesen Tagen besonders schnell verurteilt, weil sie scheinbar nicht „passen“.Und genau hier verstärkt Perfektionismus den inneren Konflikt.
Anstatt wahrzunehmen, dass etwas da ist, entsteht sofort der Gedanke, wie es sein sollte.Anstatt sich selbst Raum zu geben, wird versucht, sich innerlich zu korrigieren.Das kostet Energie – und verstärkt paradoxerweise genau das, wovon man weg möchte.
Viele Menschen beschreiben mir nach den Feiertagen ein Gefühl tiefer Müdigkeit, das weniger mit dem Programm der Tage zu tun hatte, sondern vielmehr mit dem ständigen inneren Bemühen, emotional richtig zu reagieren.
Was helfen kann, wenn der innere Druck lauter wird
Vielleicht ist einer der wichtigsten Schritte an Feiertagen nicht, etwas zu verändern, sondern den eigenen Zustand ernst zu nehmen, ohne ihn sofort verbessern zu wollen.Zu bemerken, wenn der innere Kritiker gerade übernimmt.Zu erkennen, dass das Bedürfnis nach Rückzug kein Defizit ist, sondern ein Signal.Und sich selbst nicht zusätzlich unter Druck zu setzen, indem man auch noch „entspannt sein“ muss.
Manchmal hilft es schon, sich innerlich zu erlauben, dass diese Tage ambivalent sein dürfen.Dass Nähe schön sein kann und gleichzeitig anstrengend.Dass Dankbarkeit existieren kann, ohne dass Leichtigkeit sofort verfügbar ist.Und dass Perfektionismus oft genau dort laut wird, wo wir uns eigentlich nach Sicherheit sehnen.
Ein kleiner Ausblick
Wenn Perfektionismus an Feiertagen besonders spürbar wird, dann nicht, weil etwas mit dir nicht stimmt, sondern weil diese Tage alte Muster sichtbarer machen.Sie zeigen, wie sehr du gelernt hast, dich selbst zu regulieren, dich anzupassen, Verantwortung zu tragen – oft viel früher, als es nötig gewesen wäre.
In meinem neuen Buch „Schreib’s dir von der Seele – Wie du loslässt, was dich klein macht“ gehe ich genau auf diese inneren Dynamiken ein: auf das Festhalten, das uns einmal geschützt hat, und auf die leisen Wege, wie Loslassen aussehen kann, ohne dass man sich selbst verliert oder sich dadurch überfordert.Auch das Thema Perfektionismus – gerade in emotional aufgeladenen Zeiten – spielt darin eine wichtige Rolle.
Vielleicht ist das größte Geschenk an Feiertagen nicht Perfektion, sondern ein kleines bisschen mehr Nachsicht mit sich selbst.
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