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Der Bambi-Reflex: Warum es dir schwer fällt, für dich einzustehen. Diese 3 Dinge können dir helfen.



Vielleicht kommen dir solche Situationen bekannt vor: Du erlebst, dass sich jemand dir gegenüber unangemessen verhält. Anstatt eine Grenze zu setzen, lächelst du, lachst und tust so, als ob es dich nicht stört. Stunden später, wenn du alleine bist, gehen dir all die Worte durch den Kopf, die du hättest sagen sollen. Du ärgerst dich über dich selbst, weil du dich nicht geäußert hast, und fragst dich erneut, warum es so schwierig ist, solche Dinge im richtigen Moment anzusprechen.


Dieses Gefühl hatte ich vor einigen Jahren sehr oft. Vor allem wenn sich Fremde mir gegenüber unfreundlich verhalten haben, war ich so überfordert mit der Situation, dass ich wie in eine Schockstarre gefallen bin und kein Wort mehr raus bekam.


Was du über den Bambi-Reflex noch nicht wusstest:


Menschen zu gefallen ist nicht immer eine bewusste Reaktion, aber oft geschieht es aus einem bestimmten Grund. Im Jahr 2003 erweiterte der Psychotherapeut Pete Walker das bekannte Konzept von "Kämpfen, Fliehen, Erstarren" (englisch: Fight, Flee or Freeze) um eine vierte Reaktion: den Bambi-Reflex.


Wenn sich jemand mit dem Bambi-Reflex bedroht fühlt, neigt er dazu, sich der Bedrohung anzupassen oder übertrieben freundlich zu sein, anstatt sich zur Wehr zu setzen, wegzulaufen oder sich abzuschotten.


Walker erklärt, dass besonders Menschen, die in der Vergangenheit Missbrauch erfahren haben, gelernt haben, dass Widerstand gegen Misshandlung nur zu Rache führt. Daher streichen sie "Nein" aus ihrem Vokabular und entwickeln eine verminderte Fähigkeit, sich auf gesunde Weise durchzusetzen. Nicht immer ist hier Missbrauch eine Ursache. In den meisten Fällen ist es ein komplexes Zusammenspiel aus mehreren Faktoren (vor allem auch Gene und Persönlichkeit), die zur Bambi-Reaktion beitragen.


Hier ist ein Beispiel: Wenn du vor Jahren in einer Beziehung zu einer älteren Frau Missbrauch oder ein anderes Trauma erlebt hast, könntest du Jahre später in ähnlichen Situationen mit anderen älteren Frauen unterwürfig reagieren, selbst wenn diese Situationen keine wirkliche Gefahr darstellen.

Das erklärt, warum wir manchmal eine Situation verlassen und denken: "Ich habe mich nicht unsicher gefühlt; ich dachte nicht, dass sie mir schaden würden." Dennoch habe ich mich klein gemacht. Was war da los?

Unser Körper reagiert nicht auf die aktuelle Situation, sondern auf Vergangenheitserlebnisse.

Diese Erkenntnis kann uns helfen, Mitgefühl für uns selbst zu entwickeln, wenn wir uns in der Gegenwart nicht äußern können. Unsere Körper versuchen ihr Bestes, uns zu schützen, indem sie alte Muster aktivieren.


3 Werkzeuge, die wirklich beim Bambi-Reflex helfen


Während es für uns, wichtig ist zu lernen, wie man Grenzen setzt, kann es im Moment schwierig sein, das auch wirklich durchzusetzen. Wir befinden uns im Autopiloten-Modus und in diesem aktivierten Zustand sind viele unserer kognitiven Fähigkeiten nicht verfügbar.

Deshalb helfen mir diese drei praktischen Hilfsmittel dabei, meinen Bambi-Reflex in Echtzeit zu kontrollieren 👇


(Beachte bitte, dass die folgenden Hilfsmittel für Situationen gedacht sind, in denen du nicht aktiv geschädigt oder missbraucht wirst. Wenn du dich unsicher fühlst, ist das beste Vorgehen, die Situation komplett zu verlassen. Diese Hilfsmittel sind am besten für Situationen geeignet, in denen du das Verhalten der anderen letztendlich ansprechen möchtest).


Methode 1: Nimm dir eine Auszeit

Wenn wir uns unterwürfig verhalten, interpretiert unser Körper die aktuelle Situation als unsicher, selbst wenn sie es nicht ist. Die beste Methode, diese Reaktion zu unterbrechen, besteht darin, dich vorübergehend aus der Interaktion zurückzuziehen (falls möglich), um dir ins Gedächtnis zu rufen, dass du tatsächlich in Sicherheit bist, und um einen bewussten Plan für das weitere Vorgehen zu formulieren.


Zum Beispiel könnten wir bei einem Date sagen, dass wir zur Toilette müssen. Bei einem Familientreffen könnten wir erwähnen, dass wir unsere Getränke nachfüllen möchten. Auf der Arbeit könnten wir erklären, dass wir einen dringenden Anruf erhalten haben. Beim Telefonieren könnten wir mitteilen, dass gerade ein anderer Anruf hereinkommt und wir in fünf Minuten zurückrufen werden.

Das Ziel ist es, einen Ort aufzusuchen, wo wir für einige Minuten alleine sein können.

Während wir alleine sind, können wir ein paar Mal tief durchatmen, um unser Nervensystem zu beruhigen.


Methode 2: Spüre deine Wut

Pete Walker erklärt, dass es normal ist, ein Gefühl der Trauer und des Verlusts über all die Jahre zu empfinden, die wir damit verbracht haben, im Bambi-Reflex zu verharren. Diese Trauer, schreibt er, führt dazu, eine gesunde Wut freizusetzen... die dann in die Wiederherstellung einer gesunden Kampfreaktion umgewandelt werden kann, die die Grundlage für den Instinkt des Selbstschutzes ist.


Es ist normal, Angst vor Wut zu haben, aber Wut ist ein mächtiger Antrieb für Veränderungen. Studien zeigen, dass sie in der Regel mit dem Bemühen einhergeht, Hindernisse zu überwinden, Ungerechtigkeiten zu korrigieren und bessere Bedingungen für uns und andere zu schaffen.

Während unserer Auszeit können wir uns einige Momente Zeit nehmen, um bewusst auf unsere Wut zuzugreifen, damit wir von ihrer motivierenden Kraft profitieren können.

(Vielleicht sind wir wütend auf das ursprüngliche Trauma oder die Misshandlung, die zu unserer Bambi-Reaktion geführt haben; vielleicht sind wir auch wütend auf die Interaktion, aus der wir gerade zurückgezogen sind, insbesondere wenn jemand uns auf unangemessene Weise behandelt hat.)

Wenn du bewusst auf deine Wut zugreifst, stelle dir vor, dass du sie wie Treibstoff in den Motor deines Selbstwertgefühls gießt. Beachte, wie es sich anfühlt, wenn es deine Brust, deinen Bauch und deine Gliedmaßen erfüllt.

Nachdem wir unsere Auszeit beendet haben, ist es nicht unbedingt erforderlich, den Ärger in der Interaktion auszudrücken; stattdessen können wir ihn als Kraftstoff betrachten, der uns die Stärke verleiht, selbstbewusst und selbstachtend zu handeln.


Methode 3: Tu, was nötig ist, auch wenn es spät ist

Manchmal fühlen wir uns trotz all unserer Anstrengungen nicht in der Lage, ein unangemessenes Verhalten anzusprechen, bevor das Gespräch vorbei ist.

Vielleicht sind wir in diesem Moment zu schwach und denken uns später: "Die Art und Weise, wie sie sich verhalten haben, war inakzeptabel, aber in dem Moment habe ich nur gelächelt. Ist es zu spät, ihnen zu zeigen, dass ich mit dem, was sie getan/gesagt haben, nicht einverstanden bin?"


Hier ist meine Meinung dazu: Ist es ideal, Grenzen in Echtzeit zu setzen? Ja. Ist es uns immer möglich, dies zu tun? Nein.


Das Wichtigste ist es, es überhaupt zu tun - auch wenn das bedeutet, dass du eine Stunde, einen Tag oder eine Woche später eine Nachricht schickst oder dich meldest, um es mit der Person zu besprechen, ist das in Ordnung. Ich habe das schon oft gemacht.


Du kannst deine Bitte oder Grenze z.B. so formulieren:


"Es ist mir schwergefallen, das in diesem Moment zu sagen, aber ich möchte, dass du weißt, dass...."

"Ich weiß, dass es so rüberkam, als wäre der Witz von neulich für mich auch lustig gewesen, aber in Wahrheit war es mir unangenehm...."

"Ich würde gerne auf unser Gespräch von neulich zurückkommen... Wenn du..."

"In Zukunft wäre es für mich wichtig, dass..."


Wenn du mehr Hilfe bei der Formulierung benötigst oder generell Unterstützung und eine Schritt-für Schritt Anleitung brauchst, wie du deine Bedürfnisse erkennst und selbstbewusst Grenzen setzt, kannst du in meinen 8 Wochen Online Kurs "Meine Grenze - Mein Nein" kommen.

Selbst wenn es zu spät ist, wird es dir helfen, die Kraft, den Selbstrespekt und die Selbstliebe zu spüren, die du hast, wenn du dir selbst treu bleibst. Je mehr du dich auf dieses Gefühl einstellst, desto leichter wird es dir fallen, diese Grenzen in Echtzeit zu setzen.





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